Wenn mehr nicht mehr besser wird

Unser Wirtschaftssystem belohnt Wachstum, Verbrauch und Expansion. Aber vielleicht müssen Menschen nicht lernen, weniger zu wollen. Vielleicht müssen wir verändern, wovon sich mehr lohnt.

Video: Nate Hagens / The Great Simplification · auf YouTube öffnen

Dieser Text gehört zu einer fortlaufenden Suche nach Bedingungen, unter denen Menschen und die Systeme, die sie schaffen, langfristig gut funktionieren können. Er verbindet ökologische Fragen mit einer strukturellen Perspektive: Nicht nur individuelles Verhalten, sondern auch die Regeln und Rückkopplungen, unter denen Verhalten entsteht, werden zum Gegenstand der Gestaltung.

Wir sprechen viel darüber, dass Menschen weniger verbrauchen müssten: weniger Energie, weniger Rohstoffe, weniger Fleisch, weniger Flüge, weniger Konsum. Angesichts der Belastung natürlicher Systeme ist diese Forderung nachvollziehbar. Gleichzeitig funktioniert ein großer Teil unserer gesellschaftlichen Ordnung in die entgegengesetzte Richtung. Unternehmen sollen wachsen, Vermögen Rendite erwirtschaften, Staaten ihre Wirtschaftsleistung steigern. Produkte konkurrieren um Aufmerksamkeit, Menschen vergleichen Einkommen, Besitz, Reichweite, Leistung und Status. Technischer Fortschritt wird häufig daran gemessen, ob etwas schneller, billiger oder in größerer Menge möglich wird. Wir können Menschen innerhalb einer solchen Struktur auffordern, sich zu beschränken. Aber vielleicht sollten wir zusätzlich die Struktur selbst untersuchen: Was genau belohnt sie?

Eine Zivilisation mit Stoffwechsel

Der amerikanische Systemdenker Nate Hagens beschreibt moderne Zivilisation als eine Art wirtschaftlichen „Superorganismus“, dessen Grundlage Energie ist. Über Jahrmillionen gespeicherte Sonnenenergie wurde in Kohle, Öl und Gas verfügbar. Innerhalb von nur etwa zwei Jahrhunderten erschloss die Menschheit damit einen außergewöhnlichen Energievorrat. Maschinen konnten Arbeit übernehmen, Produktion vervielfachen, Güter über den Planeten transportieren und immer komplexere Strukturen ermöglichen. Hagens' entscheidender Gedanke liegt aber nicht allein in der Bedeutung fossiler Energie. Er richtet den Blick auf die Regeln des Gesamtsystems: Milliarden Menschen, Unternehmen und Staaten treffen jeweils Entscheidungen, die aus ihrer eigenen Perspektive vernünftig erscheinen – Gewinne erhöhen, Kosten senken, wachsen, Versorgung sichern, Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Aus diesen Einzelentscheidungen entsteht ein globales Muster, ohne dass jemand dieses Muster zentral geplant hätte.

Ein Satz aus dem Video bringt diesen strukturellen Gedanken auf den Punkt: Es gebe keinen einzelnen Steuermann, sondern Milliarden von Anreizen, die in dieselbe Richtung weisen – zu Extraktion und Konsum. Damit verändert sich die Frage. Wenn das Ergebnis wesentlich aus den Regeln und Rückkopplungen eines Systems entsteht, reicht es nicht, einzelne Menschen moralisch für das Ergebnis verantwortlich zu machen. Menschen wollen Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Möglichkeiten, ihr Leben zu verbessern. Sie vergleichen sich, konkurrieren und sammeln Ressourcen, wenn Ressourcen Sicherheit und Handlungsmöglichkeiten versprechen. Das sind nicht automatisch ökologische Probleme. Problematisch wird es, wenn gesellschaftliche Strukturen diese Motive dauerhaft mit materiellem Durchsatz verbinden. Mehr Erfolg bedeutet dann häufig mehr Einkommen, mehr Einkommen ermöglicht mehr Besitz, Kapital eröffnet mehr Einfluss und erzeugt weiteres Einkommen. Unternehmen, die nicht wachsen, geraten gegenüber wachsenden Unternehmen unter Druck; stagnierende Volkswirtschaften bekommen politische und finanzielle Probleme. So kann ein System entstehen, in dem niemand die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen beabsichtigt und trotzdem viele Akteure zu ihr beitragen. Wenn Menschen unter bestimmten Bedingungen auf ähnliche Weise reagieren, lohnt es sich, nicht nur die Menschen, sondern auch die Bedingungen zu untersuchen.

Muss weniger auch schlechter bedeuten?

Hagens zieht aus seiner Analyse eine weitreichende Schlussfolgerung. Unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten sei unmöglich; die durch fossile Energie ermöglichte Phase wachsender Komplexität könne nicht unbegrenzt fortgesetzt werden. Eine „Great Simplification“ sei deshalb keine Frage des Ob, sondern des Wann. Der erste Teil ist schwer zu bestreiten: Unendlicher materieller Durchsatz ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich. Daraus folgt aber nicht zwangsläufig, dass menschliche Lebensqualität, Möglichkeiten und Entwicklung im gleichen Maß schrumpfen müssen.

Interessanterweise liefert Hagens selbst einen Hinweis darauf. Gegen Ende des Videos verweist er darauf, dass zentrale Quellen menschlicher Zufriedenheit nach der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse erstaunlich wenig materiellen Verbrauch voraussetzen: Beziehung, Sinn, Zeit, Natur und Gemeinschaft. Damit öffnet sich eine andere Möglichkeit. Vielleicht müssen Menschen nicht lernen, immer weniger zu wollen. Vielleicht müssen wir verändern, wovon sich mehr lohnt. Ein großer Teil der Umweltdebatte wird als Verteilung von Verlusten geführt: Wer muss verzichten? Was darf nicht mehr? Was wird teurer? Welche Lebensweise muss eingeschränkt werden? Eine andere Gestaltungsfrage wäre: Wie können wir menschliche Lebensqualität erhöhen und gleichzeitig die Belastung natürlicher Systeme verringern? Dann wäre ein ruhigerer Ort nicht weniger Entwicklung, sondern mehr. Saubere Luft wäre mehr. Ein lebendiger Fluss wäre mehr. Fruchtbarer Boden, Zeit mit anderen Menschen, Gesundheit, Sicherheit, Bewegungsmöglichkeiten, gute Bildung, funktionierende Nachbarschaften und Zugang zur Natur wären mehr. Auch technischer Fortschritt könnte weiterhin mehr ermöglichen – nur müsste sich Erfolg nicht zwingend in immer größerem Material- und Energieverbrauch ausdrücken. Das wäre keine Rückkehr in eine vormoderne Welt, sondern eine andere Definition von Fortschritt.

Wettbewerb in eine andere Richtung lenken

Auch Konkurrenz wird häufig als Teil des Problems betrachtet. Doch Menschen vergleichen sich seit sehr langer Zeit miteinander. Sie wollen etwas besonders gut können, Anerkennung erhalten, gewinnen, gestalten und Einfluss haben. Vielleicht ist es weder realistisch noch notwendig, diesen Antrieb abzuschaffen. Interessanter wäre, seinen Gegenstand zu verändern. Was würde passieren, wenn Städte miteinander konkurrierten, wer die höchste Lebensqualität bei der geringsten ökologischen Belastung erreicht? Wenn Unternehmen Status dadurch gewännen, dass ihre Produkte nicht nur weniger Schaden verursachen, sondern Lebensgrundlagen verbessern? Wenn Wohlstand auch daran sichtbar würde, welche Bedingungen jemand für andere Menschen und anderes Leben ermöglicht? Dann könnte aus Wettbewerb ein Beschleuniger von Regeneration werden.

Das gilt besonders für Menschen mit außergewöhnlich großen Möglichkeiten. Extremes Vermögen bedeutet nicht nur extreme Freiheit, sondern auch außergewöhnliche Gestaltungsmacht. Je größer diese Gestaltungsmacht wird, desto größer wird die Möglichkeit – und damit aus gesellschaftlicher Perspektive auch die Verantwortung –, Bedingungen zu verbessern, von denen viele profitieren. Nicht Weltrettung als persönliche Inszenierung wäre das Ziel, sondern ein Wettbewerb um nachweislich bessere Bedingungen. Auch der Begriff Nachhaltigkeit greift möglicherweise zu kurz. Etwas dauerhaft aufrechtzuerhalten ist wenig attraktiv, wenn der bestehende Zustand bereits belastet ist. Regeneration setzt ein anderes Ziel: Böden können fruchtbarer, Gewässer sauberer, Städte leiser und lebenswerter, Landschaften vielfältiger werden. Arbeit kann produktiver und zugleich weniger erschöpfend organisiert werden, Technik Menschen von unnötiger Belastung befreien und Versorgung resilienter werden.

Dabei geht es nicht darum, jedes einzelne Lebewesen vor jedem natürlichen Risiko zu schützen. Leben besteht aus Konkurrenz, Anpassung, Nahrungsketten, Krankheit und Tod. Ein regeneratives menschliches System müsste deshalb weder Natur vollständig kontrollieren noch einen leidfreien Planeten herstellen. Ein sinnvollerer Maßstab wäre: menschlich verursachte Bedingungen so zu gestalten, dass möglichst wenig Leben gezwungen wird, vermeidbar ungünstige Bedingungen dauerhaft zu kompensieren. Dann können natürliche Systeme wieder stärker selbst regulieren – und Menschen müssen nicht permanent gegen die Folgen ihrer eigenen Strukturen anarbeiten.

Die Richtung des Systems verändern

Hagens sagt, der wirtschaftliche Superorganismus lasse sich nicht leicht steuern oder stoppen. Vielleicht ist Stoppen tatsächlich die falsche Aufgabe. Die interessantere Frage lautet: Können wir seine Richtung verändern? Noch nie verfügte die Menschheit über eine vergleichbare Infrastruktur zur Koordination. Milliarden Menschen sind miteinander vernetzt. Wissen kann innerhalb von Stunden um den Planeten wandern. Lokale Lösungen können dokumentiert, verglichen und kopiert werden. Satelliten und Sensoren können Veränderungen sichtbar machen. Künstliche Intelligenz kann Daten auswerten, Übersetzungsbarrieren senken, Lösungen an lokale Bedingungen anpassen und die Koordinationskosten gemeinsamer Projekte erheblich reduzieren. Dieselben Netzwerke, die heute Aufmerksamkeit auf Konsum, Empörung und Status lenken, könnten auch Erfolge bei Regeneration sichtbar und attraktiv machen.

Eine renaturierte Fläche, ein sauberer Bach, ein Schulhof, auf dem Kinder sich wieder selbstverständlich bewegen, eine Nachbarschaft, die Versorgung teilt, ein Unternehmen, das Arbeitsbelastung senkt und dabei produktiver wird, oder eine landwirtschaftliche Methode, die Ertrag mit wachsender Bodenqualität verbindet: Millionen solcher Veränderungen wären für sich genommen klein. Aber auch der heutige Superorganismus entstand aus Milliarden einzelner Entscheidungen. Die ökologische Krise wird häufig als Konflikt zwischen Mensch und Natur erzählt: Der Mensch will zu viel, die Erde kann zu wenig liefern. Daraus scheint nur die Wahl zwischen weiterem Wachstum und Verzicht zu bleiben. Vielleicht ist diese Gegenüberstellung zu eng.

Menschen werden vermutlich weiterhin Sicherheit, Anerkennung, Verbesserung, Wohlstand, Einfluss und Erfolg suchen. Die entscheidende Frage ist, welche Strukturen dieses Streben verstärken und wohin sie es lenken. Wenn Erfolg weiterhin daran gekoppelt bleibt, möglichst viele Ressourcen zu mobilisieren, werden Appelle zur Mäßigung gegen starke Rückkopplungen antreten müssen. Wenn dagegen Lebensqualität, gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftlicher Erfolg zunehmend damit verbunden werden, menschliche und natürliche Lebensbedingungen zu verbessern, könnte derselbe menschliche Antrieb in eine andere Richtung wirken. Dann wäre Klimaschutz nicht in erster Linie ein Projekt des Verzichts, sondern Teil einer größeren gemeinsamen Aufgabe: Bedingungen zu schaffen, unter denen menschliches Leben besser werden kann, während die Belastung anderen Lebens sinkt und natürliche Systeme wieder mehr Fähigkeit zur eigenen Regulation gewinnen.

Vielleicht besteht Fortschritt im 21. Jahrhundert deshalb nicht darin, immer mehr zu bewegen. Vielleicht besteht er darin, immer bessere Bedingungen zu hinterlassen.

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