Dieser Text gehört zu einer Reihe über die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen langfristig gut funktionieren können. Viele der Gedanken reichen bis in meine frühere wissenschaftliche und praktische Arbeit zurück. In KI-gestützten Dialogen ordne, hinterfrage und entwickle ich sie heute weiter. Die Texte sind kein abgeschlossenes Modell, sondern der aktuelle Stand einer fortlaufenden Suche.
Im ersten Text dieser Reihe ging es um einen Widerspruch: Wir verfügen über mehr Wissen, medizinische Möglichkeiten, technische Hilfsmittel und Angebote für Gesundheit und Wohlbefinden als wahrscheinlich jede Generation vor uns – und trotzdem begegnen uns Erschöpfung, Überforderung und das Gefühl, den Anforderungen des Alltags kaum noch gerecht zu werden, überall. Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Frage einmal umzudrehen.
Wenn ein Mensch Schwierigkeiten hat, in seinem Alltag zu funktionieren, suchen wir die Ursache meist zunächst bei diesem Menschen. Er schläft zu wenig, bewegt sich zu wenig, ernährt sich falsch oder kann nicht gut mit Stress umgehen. Er müsste resilienter werden, sich besser organisieren, häufiger Pausen machen oder lernen, Grenzen zu setzen. All das kann stimmen. Aber was, wenn wir damit manchmal an der falschen Stelle beginnen?
Wenn viele Menschen ähnliche Schwierigkeiten haben
Nehmen wir ein Unternehmen, in dem die krankheitsbedingten Ausfälle zunehmen. Man kann untersuchen, welche Mitarbeiter besonders häufig fehlen. Man kann Gesundheitsprogramme anbieten, Fitness fördern, Stressmanagement vermitteln oder Resilienztrainings organisieren. Man kann Fehlzeiten analysieren und überlegen, wie die Beschäftigten besser mit ihren Belastungen umgehen können. Das alles kann sinnvoll sein. Aber eigentlich müsste vorher noch eine andere Frage stehen: Welche Bedingungen erzeugt die Struktur, in der diese Menschen jeden Tag funktionieren sollen? Wie hoch ist die Arbeitsdichte? Wie häufig werden Tätigkeiten unterbrochen? Wie viel Entscheidungsspielraum gibt es? Wie planbar ist die Arbeit? Wie viele Informationen müssen gleichzeitig verarbeitet werden? Wie viel Bewegung findet statt? Wie viel wirkliche Erholung ist möglich? Wie verlässlich sind Arbeitszeiten? Wie viel Zeit bleibt außerhalb der Arbeit für Familie, soziale Beziehungen und Regeneration?
Wenn einzelne Menschen unter einer Struktur Schwierigkeiten entwickeln, kann das viele individuelle Gründe haben. Wenn aber viele Menschen innerhalb ähnlicher Strukturen ähnliche Schwierigkeiten entwickeln, wird die Struktur selbst zu einer interessanten Untersuchungsgröße. Das bedeutet nicht, dass jede Erkrankung durch Arbeit oder gesellschaftliche Bedingungen verursacht wird. Menschen unterscheiden sich, Krankheiten haben unterschiedliche Ursachen, manche Menschen kommen mit hohen Anforderungen sehr gut zurecht, andere weniger. Doch gerade diese Unterschiede können uns in die Irre führen, denn Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, sich an Bedingungen anzupassen.
Wir verwechseln Anpassungsfähigkeit mit Passung
Ein Mensch kann jahrelang wenig schlafen und trotzdem leistungsfähig erscheinen. Er kann acht oder zehn Stunden am Tag sitzen und anschließend Sport treiben. Er kann hohe Arbeitsbelastungen kompensieren, ständig zwischen Aufgaben wechseln und auch unter Zeitdruck zuverlässig funktionieren. Ein anderer Mensch entwickelt unter denselben Bedingungen früher Beschwerden. Schnell entsteht daraus eine scheinbar logische Schlussfolgerung: Die Struktur kann nicht das Problem sein, schließlich kommen andere Menschen mit ihr zurecht. Aber diese Schlussfolgerung ist nicht zwingend. Dass ein Mensch unter bestimmten Bedingungen funktioniert, beweist noch nicht, dass diese Bedingungen gut zu ihm passen. Es beweist zunächst nur, dass sein System in der Lage ist, unter diesen Bedingungen zu funktionieren.
Vielleicht besitzt er mehr Ressourcen, vielleicht kann er besser kompensieren, vielleicht hat er außerhalb der Arbeit günstigere Bedingungen, vielleicht zeigt sich der Preis der Anpassung erst Jahre später – und vielleicht kommt er tatsächlich dauerhaft hervorragend damit zurecht. All das ist möglich. Deshalb geht es nicht darum, den Menschen aus seiner Verantwortung zu entlassen oder Strukturen pauschal für jedes Problem verantwortlich zu machen. Es geht um etwas anderes: Wir sollten Mensch und Bedingungen gleichzeitig betrachten.
Das erscheint selbstverständlich. In vielen anderen Bereichen tun wir genau das. Wenn eine Pflanze nicht gedeiht, fragen wir nicht nur, was mit der Pflanze nicht stimmt. Wir prüfen Licht, Wasser, Temperatur, Nährstoffe und Boden. Wenn ein technisches System regelmäßig überhitzt, versuchen wir nicht ausschließlich, einzelne Bauteile widerstandsfähiger zu machen. Wir untersuchen auch Kühlung, Belastung und Betriebsbedingungen. Bei Menschen scheint uns diese zweite Perspektive dagegen erstaunlich schwerzufallen. Wir investieren enorme Anstrengungen darin, Menschen leistungsfähiger, resilienter, gesünder und belastbarer zu machen. Gleichzeitig nehmen wir viele Bedingungen, unter denen sie leben, lernen und arbeiten, als weitgehend gegeben hin. Vielleicht liegt genau darin ein Denkfehler.
Was, wenn wir die Bedingungen mit untersuchen?
Der Perspektivwechsel wäre zunächst erstaunlich klein. Wenn ein Kind in der Schule Schwierigkeiten hat, könnten wir nicht nur fragen: Was braucht dieses Kind, damit es in der Schule besser funktioniert? Sondern zusätzlich: Welche Bedingungen braucht dieses Kind, um überhaupt gut lernen zu können? Wenn Beschäftigte erschöpft sind, könnten wir nicht nur fragen, wie sie widerstandsfähiger werden, sondern welche Arbeitsbedingungen menschliche Leistungsfähigkeit dauerhaft ermöglichen. Und wenn Menschen einen erheblichen Teil ihrer freien Zeit dafür verwenden, durch Sport, Wellness, Meditation, Therapie, Urlaub oder andere Formen der Regeneration wieder ins Gleichgewicht zu kommen, könnten wir zusätzlich fragen, warum so viel individuelle Arbeit notwendig geworden ist, um dieses Gleichgewicht herzustellen.
Damit verändert sich die Blickrichtung: nicht mehr ausschließlich Wie machen wir den Menschen passend für die Struktur?, sondern auch Wie gestalten wir Strukturen, die zu den Bedingungen des Menschen passen? Dafür müssten wir allerdings etwas wissen, das in vielen Diskussionen erstaunlich selten am Anfang steht: Welche Bedingungen braucht ein Mensch eigentlich, um langfristig gut funktionieren zu können?
Der Mensch ist schließlich kein beliebig formbares Wesen. Er ist ein biologisches System mit einer langen Entwicklungsgeschichte und bestimmten Voraussetzungen für Bewegung, Erholung, Beziehung, Sicherheit, Lernen und Regulation. Vielleicht sollten wir diese Voraussetzungen genauer kennen, bevor wir entscheiden, wie Schulen, Arbeitsplätze, Städte oder unser Alltag gestaltet sein sollten. Denn möglicherweise ist die entscheidende Frage nicht, wie viel ein Mensch aushalten kann, sondern unter welchen Bedingungen er dauerhaft gut funktionieren kann.
Genau darum geht es im nächsten Text: Der Mensch hat Systembedingungen.