Was wäre, wenn wir einmal das Richtige spektakulär machen?

Große Ereignisse zeigen, wozu Menschen fähig sind, wenn Wissen, Geld, Technologie und Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Ziel treffen. Vielleicht sollten wir häufiger fragen, wofür wir diese außergewöhnlichen Fähigkeiten einsetzen.

Begeisterte Menschen als Symbol für eine Kultur, die funktionierendes Leben und Regeneration feiert Symbolbild

Immer wieder sehe ich Bilder von großen Ereignissen und Projekten, die mich zunächst einfach staunen lassen. Zehntausende Menschen kommen zusammen, Millionen verfolgen sie über Bildschirme. Hochentwickelte Technik, enorme Infrastruktur, jahrelange Vorbereitung und perfekte Inszenierung greifen ineinander. Unternehmen, Sponsoren, Medien, Veranstalter, Ingenieure, Kreative und viele andere Menschen bündeln Wissen, Geld und Arbeitszeit, um für einen kurzen Moment etwas Außergewöhnliches möglich zu machen.

Und zunächst denke ich: Was für eine Leistung.

Doch immer häufiger bleibt bei mir danach eine andere Frage hängen:

Wofür setzen wir unsere außergewöhnlichen Fähigkeiten eigentlich ein?

Das Problem ist nicht das Spektakel

Menschen brauchen Begeisterung. Wir brauchen Spiel, Kultur, Sport, Musik, Herausforderung, Wettbewerb und gemeinsame Erlebnisse. Es ist faszinierend zu sehen, was Menschen körperlich, technisch, kreativ und organisatorisch leisten können. Darum geht es nicht.

Große Sportveranstaltungen, Shows, Festivals, Rekordversuche oder andere Prestigeprojekte sind nicht automatisch sinnlos, nur weil sie enorme Summen kosten oder Millionen Menschen dabei hauptsächlich zuschauen. Sie zeigen sogar etwas ausgesprochen Beeindruckendes: wozu Menschen fähig sind, wenn genügend Wissen, Kapital, Aufmerksamkeit und Organisationskraft auf ein gemeinsames Ziel treffen.

Vielleicht sollten wir genau deshalb genauer hinschauen. Nicht mit der Frage, ob wir uns solche Dinge leisten dürfen, sondern mit einer anderen:

Was könnten wir uns leisten, wenn wir dieselben Fähigkeiten auch auf andere Ziele richten würden?

Wir können Unglaubliches möglich machen

Wir können innerhalb weniger Jahre gewaltige Infrastruktur errichten, technische Grenzen verschieben, globale Veranstaltungen organisieren und innerhalb weniger Stunden die Aufmerksamkeit von Millionen oder sogar Milliarden Menschen auf dasselbe Ereignis richten. Wir schicken Satelliten ins All, entwickeln künstliche Intelligenz, bauen autonome Maschinen und lösen technische Probleme, die noch vor wenigen Jahrzehnten kaum lösbar erschienen.

Und wenn etwas gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch wichtig genug erscheint, können plötzlich Summen mobilisiert, Genehmigungen beschleunigt, internationale Kooperationen aufgebaut und Menschen zusammengebracht werden, die vorher kaum vorstellbar gewesen wären.

Das alles sagt etwas Entscheidendes über uns Menschen: Uns fehlen nicht grundsätzlich die Fähigkeiten. Wir können forschen, organisieren, finanzieren, erfinden und begeistern. Wir können enorme technische und gesellschaftliche Systeme aufbauen.

Vielleicht liegt eine der großen Herausforderungen unserer Zeit deshalb an einer ganz anderen Stelle: bei der Richtung.

Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn wir mit derselben Begeisterung Projekte verfolgen würden, die geschädigte Landschaften wiederherstellen? Wenn technische Spitzenleistung dabei helfen würde, Plastik und Müll aus Flüssen, Küsten und Landschaften zu entfernen, Wasser wieder in Landschaften zu halten, Böden aufzubauen und Lebensräume miteinander zu verbinden?

Drohnen könnten schwer erreichbare Gebiete kartieren und Renaturierung begleiten. Künstliche Intelligenz könnte Veränderungen von Böden, Wäldern, Gewässern und Tierpopulationen zusammenführen und Menschen dabei helfen, Entwicklungen früher zu erkennen. Autonome Maschinen könnten gefährliche, monotone oder körperlich kaum zu bewältigende Arbeiten übernehmen, während Menschen Ziele definieren, Entscheidungen treffen und die Systeme kontrollieren.

Nicht als Verzichtsszenario und nicht als Rückkehr in eine Welt ohne Technologie. Im Gegenteil: als Vorstellung einer technologisch hochentwickelten Zivilisation, die einen Teil ihrer enormen Fähigkeiten bewusst darauf richtet, die Bedingungen des Lebens zu verbessern.

Und was wäre, wenn wir dieselbe Intelligenz auf unsere menschlichen Systeme richten würden? Wenn technologische, wissenschaftliche und organisatorische Spitzenleistung dazu beitragen würde, dass gute Lebensbedingungen nicht vom Einkommen oder vom Geburtsort abhängen? Wenn wir einen ähnlichen Ehrgeiz darauf verwenden würden, Bildung, Gesundheit, Nahrung, Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Entwicklung möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen? Vielleicht könnte Fortschritt dann auch daran gemessen werden, ob er Menschen tatsächlich mehr Zeit, Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität ermöglicht.

Und was wäre, wenn wir unsere außergewöhnlichen analytischen Fähigkeiten mit derselben Konsequenz auf Konflikte richten würden, mit der wir technische Systeme optimieren? Wenn wir gesellschaftliche Spannungen und drohende Eskalationen früher erkennen könnten? Wenn Wissenschaft, Diplomatie, Kommunikation, Datenanalyse und vielleicht auch künstliche Intelligenz dabei helfen würden, Ursachen sichtbar zu machen, Verständigung zu ermöglichen und Lösungen zu finden, bevor aus Konflikten Gewalt wird?

Nicht aus der naiven Vorstellung einer Welt ohne unterschiedliche Interessen oder Auseinandersetzungen. Konflikte gehören zu menschlichen Gesellschaften. Aber wir könnten wesentlich besser darin werden, sie früh zu erkennen, intelligent auszutragen und möglichst schnell zu lösen, bevor Menschen unter ihnen leiden.

Denn auch hier zeigt unsere Geschichte etwas Erstaunliches: Wenn Konflikte eskalieren, können wir innerhalb kürzester Zeit enorme finanzielle, technische und industrielle Ressourcen mobilisieren.

Vielleicht sollten wir mindestens ebenso gut darin werden, Ressourcen zu mobilisieren, damit sie gar nicht erst eskalieren.

Vielleicht machen wir bislang das Falsche spektakulär

Was wäre, wenn wir dem Gelingen solcher Entwicklungen tatsächlich zuschauen würden? Wenn Kameras zeigen würden, wie Wasser in eine Landschaft zurückkehrt, Pflanzen wieder wachsen und Tiere zurückkommen? Wenn Millionen Menschen verfolgen würden, wie ein lange geschädigter Fluss wieder lebendig wird? Wenn wir ebenso Erfolge feiern würden, wenn Hunger in einer Region zurückgeht, Kinder unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern gute Entwicklungsmöglichkeiten bekommen oder ein drohender Konflikt gelöst wird, bevor aus ihm Gewalt entsteht?

Vielleicht wäre eines der größten menschlichen Ereignisse überhaupt eines, bei dem am Ende niemand besiegt wurde.

Wir haben längst gelernt, andere Formen von Leistung spektakulär zu machen. Wir bauen Kameraperspektiven, Dramaturgien, Geschichten und ganze Medienwelten um Rekorde, Siege und außergewöhnliche Einzelleistungen. Wir erzeugen Spannung, Identifikation und gemeinsame Momente. Menschen jubeln, leiden mit und erzählen noch Jahre später davon.

Andere Leistungen sind schwieriger sichtbar zu machen: ein Boden, der nach Jahrzehnten wieder Wasser speichern kann; ein Mensch, der auch im hohen Alter seinen Alltag selbstständig bewältigen kann; eine Familie, die nicht mehr in existenzieller Unsicherheit leben muss; ein Konflikt, der gelöst wird, bevor Gewalt entsteht.

Das alles ist nicht weniger außergewöhnlich.

Wir haben nur kaum gelernt, ihm zuzuschauen.

Vielleicht liegt darin auch ein strukturelles Problem. Geld, Aufmerksamkeit und menschliche Kreativität fließen nicht automatisch dorthin, wo sie langfristig den größten Nutzen erzeugen. Sie fließen häufig dorthin, wo bereits Aufmerksamkeit vorhanden ist. Aufmerksamkeit erzeugt Kapital, Kapital ermöglicht bessere Inszenierung und bessere Inszenierung erzeugt wiederum Aufmerksamkeit. Das System verstärkt sich selbst.

Regeneration, Prävention, langfristige Gesundheit, gute Lebensbedingungen oder intelligente Konfliktvermeidung haben dagegen einen merkwürdigen Nachteil: Ihr Erfolg besteht häufig darin, dass etwas nicht passiert. Ein Mensch wird nicht pflegebedürftig. Ein Kind fällt nicht durchs Raster. Ein Ökosystem kippt nicht. Eine Art verschwindet nicht. Ein gesellschaftlicher Konflikt eskaliert nicht. Ein Krieg beginnt nicht.

Das erzeugt selten spektakuläre Bilder.

Vielleicht sollten wir lernen, genau darin Leistung zu erkennen – und sie sichtbar zu machen.

Der Mensch als Schädling?

Manchmal fällt es schwer, den Menschen nicht so zu betrachten. Wir verändern Landschaften, verbrauchen Ressourcen, produzieren Abfälle und verdrängen andere Arten. Wir schaffen soziale Strukturen, in denen enorme Unterschiede der Lebensbedingungen entstehen. Und wir verfügen inzwischen über Technologien, mit denen wir Schäden und Gewalt in einem Ausmaß verursachen können, das früher kaum möglich gewesen wäre.

Doch dieses Bild greift zu kurz. Denn der Mensch besitzt noch eine andere bemerkenswerte Fähigkeit: Er kann erkennen, was er tut. Er kann Zusammenhänge verstehen, Wissen weitergeben, sein Verhalten verändern und Technologien neu ausrichten. Vor allem aber kann er Strukturen schaffen, die anderes Verhalten und andere Entwicklungen begünstigen als die Strukturen zuvor.

Vielleicht muss der Mensch deshalb nicht zwangsläufig der Schädling eines größeren Systems bleiben. Er könnte auch etwas anderes werden: ein Nützling.

Nicht ein Mensch, der nichts mehr verbraucht. Nicht ein Mensch, der auf Fortschritt verzichtet. Und auch kein Mensch, der sich der Natur unterordnet und möglichst wenig Spuren hinterlässt. Vielleicht wäre ein menschlicher Nützling vielmehr ein Wesen, dessen besondere Fähigkeiten dazu beitragen, die Tragfähigkeit des Systems zu erhöhen, in dem es lebt.

Unsere Intelligenz wäre dann nicht das Problem. Unsere Technologie wäre nicht das Problem. Selbst unsere enorme Fähigkeit, unsere Umwelt zu verändern, wäre nicht grundsätzlich das Problem.

Entscheidend wäre, wofür wir diese Fähigkeiten einsetzen.

Vielleicht besteht die nächste Entwicklungsstufe unserer Zivilisation deshalb nicht darin, weniger wirksam zu werden, sondern darin, unsere enorme Wirksamkeit besser auszurichten.

Wir müssen dafür nicht aufhören, große Dinge zu tun

Wir brauchen weiterhin Sport, Konzerte, Festivals, Kultur, Wettbewerb, technische Herausforderungen und außergewöhnliche gemeinsame Erlebnisse. Es geht nicht darum, das Spektakuläre aus unserem Leben zu entfernen.

Vielleicht geht es darum, unser Verständnis des Spektakulären zu erweitern.

Gerade die Menschen, die heute zeigen, dass sie Millionen begeistern, Milliarden organisieren, komplexeste Projekte koordinieren und technische Grenzen verschieben können, könnten anfangen, sich zusätzlich eine andere Frage zu stellen:

Was könnte ich mit diesen Fähigkeiten noch möglich machen?

Was könnte ein Veranstalter bewirken, wenn seine Fähigkeit, Millionen Menschen zu begeistern, zusätzlich auf eine gesellschaftliche oder ökologische Herausforderung gerichtet würde? Was könnte ein Technologieunternehmen erreichen, wenn Regeneration, Lebensqualität oder Konfliktvermeidung ebenso prestigeträchtige Entwicklungsziele wären wie technische Spitzenleistung? Was könnte ein Investor ermöglichen, wenn nicht nur die finanzielle Rendite, sondern auch die langfristige Tragfähigkeit eines Systems zum Maßstab würde? Was könnten Medien schaffen, wenn sie das Gelingen menschlichen und nichtmenschlichen Lebens mit derselben erzählerischen Kraft begleiten würden, mit der sie heute andere Großereignisse inszenieren?

Das Interessante daran ist: Genau die Menschen, die große Projekte heute möglich machen, besitzen viele der Fähigkeiten, die wir dafür brauchen würden.

Es geht also nicht darum, ihnen ihre Leistung abzusprechen.

Im Gegenteil.

Es geht darum, sie größer zu denken.

Vielleicht ist das die eigentliche Hochleistung

Ich würde gerne die Bilder davon sehen: Menschen, die jubeln, weil ein lange geschädigter Fluss wieder voller Leben ist. Kinder, die beobachten, wie Tiere in eine Landschaft zurückkehren. Menschen, die gemeinsam feiern, weil sich die Lebensbedingungen einer ganzen Region verbessert haben. Und vielleicht irgendwann Millionen Menschen, die verfolgen, wie aus einem scheinbar unlösbaren Konflikt eine tragfähige Verständigung entsteht.

Vielleicht würden Menschen dafür genauso früh aufstehen, reisen, mitfiebern, Geschichten erzählen und gemeinsam feiern wie bei den großen Ereignissen, denen wir heute selbstverständlich unsere Aufmerksamkeit schenken.

Denn funktionierende Natur, zurückkehrendes Leben, gute Lebensbedingungen für möglichst viele Menschen und friedliches Zusammenleben sind nicht langweilig.

Sie sind spektakulär.

Vielleicht haben wir nur vergessen, sie so zu betrachten.

Was wäre, wenn wir einmal das Richtige spektakulär machen?

Wir verfügen über Geld, Wissen und Technologie. Über künstliche Intelligenz, Maschinen und globale Kommunikationsnetze. Und über Milliarden menschlicher Gehirne, die lernen, erfinden, organisieren und miteinander kooperieren können.

Vielleicht fehlt uns weniger, als wir glauben.

Vielleicht müssen wir uns nur häufiger fragen, worauf wir all das richten wollen – und wofür wir eigentlich jubeln wollen.

Vielleicht sollten wir Erfolg irgendwann auch daran messen, wie viel Leben durch unser Handeln besser möglich wird: wie viel Natur sich regenerieren kann, wie viele Tiere wieder Lebensraum finden, wie viele Menschen unabhängig von Einkommen und Herkunft gute Bedingungen für ein erfülltes Leben erhalten – und wie gut es uns gelingt, Konflikte zu vermeiden oder zu lösen, bevor Menschen unter ihnen leiden.

Denn die entscheidende Frage des Fortschritts könnte irgendwann nicht mehr lauten:

Was können wir noch alles möglich machen?

Sondern:

Was ist es wert, möglich gemacht zu werden?

Vielleicht wäre das ein Fortschritt, auf den wir tatsächlich stolz sein könnten.

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